Kategorie: Aktuelles aus Ventimiglia

Empitopi in Ventimiglia

Eine Gruppe Aktivist*innen ist seit Anfang März in Ventimiglia aktiv. Ihre Berichte sind hier zum Download und Verbreitung hochgeladen.

Dezember 2018: Molly in Ventimiglia

Mit dem Molly Bus sind autonome Aktivist*innen derzeit wieder um Ventimiglia aktiv, deren Texte wir freundlicherweise veröffentlichen dürfen. Sie stehen hier zum Download bereit:

Bericht 11   01.12.18

Bericht 12   13.12.18

18. April 2018: Eilmeldung – Zwangsräumung unter der Autobahnbrücke in Ventimiglia

Seit heute morgen findet unter der Autobahnbrücke, die in den letzten Monaten für viele Menschen auf der Flucht ein Zufluchtsort war, eine Zwangsräumung statt.

Unter der vierspurigen Brücke, nahe dem Fluss „Roya“ und dem Industriegebiet der Küstenstatt, leben derzeit Menschen auf der Flucht  in äußerst prekären Zuständen. Besonders während der strengen Wintermonate waren die dort aufgestellten Zelte und die einfallsreich gezimmerten Hütten der einzige Schutz vor Kälte und Witterung. Nun wird den Menschen auch dieser Schutz genommen.

Die Polizeipräsenz unter und um die Brücke ist an diesem Morgen enorm hoch. Sowohl in Uniformen, als auch in Zivil, unterstützt durch ein großes Aufgebot von Fahrzeugen und Helikoptern, setzen die Beamt*innen die Räumung durch.

Die städtische Regierung rückt mit Schaufelbaggern und LKWs mit großen Krallen gegen Hütten und Zelte vor. Die Bagger reisen alles ein und was gestern noch ein einigermaßen sicherer Rückzugsort für die Menschen war, wird heute in großen Bauschuttcontainern auf den Rücken von lärmenden LKWs abtransportiert.

Unsere Aktivist*innen vor Ort konnten beobachteten, wie beinahe ein Zelt mit einer schlafenden Person von den Bagger mitgerissen wurde. Bisher wurde aber noch keine direkte, physische Gewalt dokumentiert.  Seit gestern sind zudem viele Kamerateams in Ventimiglia, davon viele aus dem Ausland, wie aus Frankreich oder Spanien.

Für die Menschen auf der Flucht, die nicht in das Rote Kreuz Camp gehen wollen, da die dortigen Registrierungsmaßnahmen unmittelbaren Einfluss auf bestehende Aufnahmeverfahren haben, gibt es nach der Räumung ihrer Hütten und Zelte, keinen geschützten Ort mehr, wohin sie gehen könnten. Die Polizei und Bagger werden dafür sorgen, dass bis zum Ende des Tages der gesamte Bereich unter der Brücke geräumt wird. Morgen wird es keine Anzeichen mehr dafür geben, dass bis zum heutigen Morgen  Menschen unter der Brücke gelebt haben.

 

18. März 2018: Erfahrungsbericht eines Freiwilligen

Sonne. Wir fahren auf den Parkplatz an einigen Polizeiautos vorbei. Einige der Polizist*innen stehen davor und tippen auf ihren Handys herum oder rauchen. Unser Blick streift sie nur flüchtig, denn wir wenden uns schnell dem Geschehen hinter der Mauer, vor dem ein „betreten Verboten“ Schild steht zu, passieren diese und stehen unter einer Brücke; die Autos, die darüber fahren klingen wie ein fernes Rauschen.
Unsere Gruppe teilt sich auf, denn es stehen verschiedene Arbeiten an. Ich zünde mir eine Zigarette an und schaue mich um. Auf den steinernen Grund stehen Zelte in verschiedenen Farben, manche sind mit Decken umschlungen zu kleinen Häuschen geworden, die gemütlich aussehen und mich ein bisschen an die Zeit erinnern, in der ich als Kind draußen schlafen wollte und das ein großes Abenteuer war. Und auch jetzt muss ich zugeben, dass es sich nicht komplett real anfühlt dort zu stehen in dem Wissen, dass hier Menschen leben. Trotzdem weiß ich was zu tun ist, nehme mir ein paar Einweghandschuhe, ein paar Arbeitshandschuhe, ein paar Müllsäcke und gehe an den Hang, der zum Fluss führt und vor lauter verschiedener Klamotten und Plastik ganz bunt ist. Auf meinem Weg begrüße ich ein paar Leute, mit manchen unterhalte ich mich auf Englisch, manche können ein wenig Deutsch und mir wurden hier ein paar Worte arabisch beigebracht. Kefek? Tamam. Es geht um verschiedenes: das Wetter, die Sprache, Handys, Schuhe, Fußball, die Flucht bisher und wie sie weitergeht. Germany bueno. No bueno?
Wir bemühen uns und spielen unbekümmert. Lachen viel, rauchen und essen gemeinsam. Und doch wären wir alle sicher gern woanders als unter einer Autobahnbrücke in Ventimiglia, Italien, dessen Sonnenuntergang am Strand stehend so ein schönes Panorama bietet, doch mit der Dämmerung setzt auch die Kälte ein, die mich an die Nacht in meinem Zelt in Frankreich erinnert. Dahin fahren wir Abends zurück. An den Grenzkontrollen, die nach einem kurzen Blick auf unseren blauen Skoda mit Bielefelder Kennzeichen einen Blick in unser Auto werfen, weiße Hautfarbe sehen und uns mit einem kurzen „Okay.“ durchwinken vorbei. Ein ums andere Mal sprechen wir über die Möglichkeit jemanden im Kofferraum oder der Dachbox versteckt über die Grenze zu helfen, doch bei Aussicht auf fünf Jahre Gefängnis verläuft sich die Ernsthaftigkeit dieses Gespräches wieder gefolgt von einem kollektiven Shitstorm auf ein geheimnisvolles System, das wir vage als „den Kapitalismus“ betiteln.
Wenn ich den nach Urin stinkenden Müll in eine Plastiktüte stecke, frage ich mich, was sinnvolle Arbeit ist. Alles, was wir unten in Ventimiglia machen ist nichts als minimalste Schadensbegrenzung. Einige Menschen schaffen es nach Frankreich und hoffentlich in ein besseres Leben, aber es werden neue Menschen kommen. Manche von ihnen waren schon in Ventimiglia, wurden bei spontanen Räumungsaktionen der Polizei in einen Reisebus in den Süden nach Taranto gebracht und stehen einige Zeit später wieder genau an der selben Stelle. Manche kennen sich noch gar nicht aus. Wenn wir sie Abends beim Monitoring im Bahnhof treffen sagen wir ihnen, dass sie unter der Brücke oder im Roten Kreuz Camp schlafen können. Ins Rote Kreuz Camp durften wir nicht eintreten ohne uns registrieren zu lassen, aber aus Erzählungen haben wir gehört, dass die Bedingungen dort nicht besser seien. Minderjährige Frauen ohne Begleitung werden dort nicht aufgenommen, es sei eine zu große Verantwortung. Die Geflüchteten müssen, um dort Schutz finden zu dürfen, Fingerabdrücke abgeben, die sie auch nach gelungener Flucht noch sechs Monate an Italien binden würden. So lange bleiben die Abdrücke gespeichert und ein Land wie Deutschland könnte sie sich auf Dublin berufend nach Italien zurück abschieben. Die Menschen, die Deutsch sprechen, haben häufig für einige Zeit in Deutschland gelebt, bevor sie durch dieses Verfahren wieder am Bahnhof von Ventimiglia gestrandet sind und es von neuem versuchen werden.
So ziehen sie zum Teil mit ihren Kindern unter die Brücke und schlagen dort ihre Zelte auf, wenn sie welche haben oder andere Geflüchtete ihre zur Verfügung stellen. Ihre provisorischen Lebensmittelpunkte bezeugen wie wenig Interesse besteht, lange an diesem Ort zu bleiben. Ein Freund von mir hat erzählt, wie er gesehen hat, dass einem anderen Geflüchteten von einem Cop fünf Mal ins Gesicht geschlagen wurde, doch der zeitliche Aufwand ein Gerichtsverfahren einzuleiten wäre zu intensiv, schließlich will er in ein paar Tagen wieder versuchen über die Grenze zu kommen und das hinter sich zu lassen. Wenn nicht Druck durch das Erfahren staatlicher Ablehnung, kommt er aus den Strukturen unter der Brücke selbst, denn überall, wo Menschen schutzlos sind, kann sich besonders gut an diesen bereichert werden. Keine Polizei, die sich für sie einsetzen würde, wenn sie durch Mafiastrukturen bestohlen und gedemütigt werden. Kein Geld, das sie legal verdienen könnten, denn es gibt keine Arbeit, die sie ausüben dürfen.
Aus meiner Perspektive eines Menschen, der all das wann er mag hinter sich lassen und nach Hause fahren kann, ist es kaum zu erahnen, was Menschen in solchen Situationen tun müssen, um dem Leben unter der Brücke zu entkommen. Noch weniger steht es mir zu darüber zu urteilen, weil mein Bauch voll ist und ich alles werden kann, was ich will.
„So many young people are here. They have dreams.“ sagt mein Freund zu mir und ich kann nur dumm nicken.
Ich kann nur vermuten, wie sich das Leben unter der Brücke wirklich anfühlt, nur vermuten, was für den Traum einer Arbeit nachgehen und der Familie Geld nach Hause schicken zu können, aufgegeben werden muss.
Diese Vermutungen belasten mich emotional, weil die Refugees, die diese betreffen, keine Pixel im Fernseher sind, sondern Gesichter, Namen und Geschichten.
Ich fahre in drei Tagen zurück nach Hause. Das sage ich meinem Freund und beiße mir auf die Zunge.

2. März 2018: Bericht einer Aktivistin über Ventimiglia

Der Ort in Ventimiglia, an dem sich für uns alle am meisten abspielt, ist die Autobahnbrücke. Unter der Brücke leben zeitweise bis zu 300 Menschen. Jeden Tag kommen neue an, bis in die Nacht. In der Nähe des Ortes gibt es auch das Rote-Kreuz-Camp. Während der eisig kalten Tage konnten Frauen und Kinder ohne Identitätsnachweis in das Camp, für gewöhnlich müssen aber Fingerabdrücke abgegeben werden und die Ankommenden dürfen nicht weiterreisen. Deshalb ziehen viele es vor, selbst bei Minusgraden und Schnee unter der Brücke zu bleiben.
Vor allem in diesen kalten Tagen besteht eine unserer täglichen Aufgaben darin, Feuerholz zu verteilen. Wir arbeiten dabei mit dem Infopoint (mehr dazu unter “über uns”) zusammen. Der Infopoint lagert das Holz auch, aufgrund von Ressourcenmangel kann es allerdings nur drei Mal am Tag zur Brücke gefahren und ausgegeben werden, was deutlich zu wenig ist. Außerdem stellen wir Decken, Schlafsäcke und Kleidung zur Verfügung. Vor allem Schuhe sind zur Zeit sehr gefragt. Wegen der ständigen Nässe gibt es kaum Möglichkeit, sich trocken zu halten. Viele der Ankommenden tragen nur dünne Schuhe, wenn überhaupt, wir sehen auch immer wieder Personen mit Flip Flops und Socken. Weiterhin kocht ein Teil unserer Gruppe zusammen mit der Kesha Niya-Küche und gibt das Essen ein Mal täglich an der Brücke aus.
Freitag hat es den ganzen Tag geregnet. Auch die Essensausgabe fand zuerst im Regen statt, jedoch nicht wie sonst neben der Brücke, sondern vor einer nahegelegenen Kirche. Aufgrund der andauernden Kälte und Eis kam die Kesha Niya-Küche (mehr dazu unter „über uns“) nicht nach Ventimiglia. Deshalb hat Caritas zugesagt, das Essen vorzubereiten. Doch eine Stunde vor der Essensausgabe teilte die Organisation mit, dass sie das Essen doch nicht vorbereiten könnte. Zum Glück konnte noch jemand anderes fürs Kochen einspringen und so wurde das Essen doch noch vor der Kirche verteilt. Völlig unerwartet für uns standen vier nationale Kamerateams vor der Kirche, die über die aktuelle Lage berichten wollten. Die Zuständigen der Kirche wollten die Menschen während des Regens zunächst nicht reinlassen. Nach einem Gespräch einer unserer Aktivistinnen mit dem Pfarrer wurde das Gebäude doch noch zum Essen geöffnet, nach einer Stunde wurden jedoch alle wieder in die Eiseskälte zurückgeschickt.

1. März 2018: Ein kurzer Lagebericht von einer Aktivistin

Einige aus der Gruppe sind seit dem Wochenende durchgängig in Ventimiglia. Wir sind gerade noch rechtzeitig runter gekommen, doch kommen wir nun nicht mehr zurück zu unserer Unterkunft (Camp), denn der Weg zurück zu unserem Camp ist durch das Eis unmöglich zu bewältigen. Im Camp sind die Leitungen zugefroren, sodass es kein fließendes Wasser mehr gibt. Der Schnee muss geschmolzen werden, um Wasser zum trinken oder abwaschen zu haben.
Wir in Ventimiglia schlafen im Auto. Ich friere durchgängig, obwohl ich zwei Isomatten, zwei Schlafsäcke und zwei Decken habe. Ich will mir gar nicht zu lebhaft vorstellen, was wäre, wenn ich nicht meine guten Klamotten und Ausrüstung hätte.

Seit einigen Stunden hat der Schnee wieder begonnen, die Temperaturen sinken weiter. Hier in der Stadt sind verschiedene Helfende aus den unterschiedlichsten Ländern. Wir versuchen, uns alle irgendwie gemeinsam zu organisieren, denn die Lage ist sehr kritisch.
Gerade sind wir viel damit beschäftigt, Holz zu verteilen, damit die Menschen, die unter der Brücke schlafen, Feuer machen können, um nicht zu erfrieren oder sich bleibende Verletzungen der Kälte zu holen. Außerdem geben wir Klamotten und Hygieneartikel aus, organisieren Essensausgaben (für die meisten die einzige Mahlzeit am Tag und endlich auch was Warmes), reden mit den Menschen und versuchen sie abzulenken. Wir geben Tee, Schuhe, Decken und Schlafsäcke aus, eben was gerade am dringendsten gebraucht wird.

Deswegen freuen uns sehr über Spenden, diese können wir hier sehr gut gebrauchen und einsetzen! Auch, um so etwas wie W-Lan Zugang weiterhin anbieten zu können, damit die Menschen ihre Familien und Freund_innen kontaktieren können. In erster Linie aber für überlebenswichtige Sachen wie Schlafsäcke, Handschuhe, Mützen und vieles mehr!
Wir hoffen, dass das Wetter am Wochenende wieder milder wird, damit sich die Lage hier ein bisschen entspannt. In jeden Fall habe ich mir die Frage, ob meine Anwesenheit vor Ort hier sinnvoll und produktiv ist, schnell und eindeutig mit JA beantworten können!

 

28. Februar 2018: Schnee und eisige Kälte in Ventimiglia stellen Geflüchtete und Freiwillige vor große Herausforderung

Schnee und Eis bedecken derzeit ganz Nordeuropa. Eisige Temperaturen fegen auch über Norditalien. Doch während sich die meisten Menschen am Ende des Tages vor der Kälte in ein warmes Zuhause flüchten können, gibt es auch Menschen, die draußen bleiben müssen.

So auch in Ventimiglia. In der Küstenstadt leben derzeit bis zu 300 Menschen auf der Flucht unter einer Autobahnbrücke, manche in Zelten, andere auf dem blanken Boden. Die Temperaturen fallen hier aktuell in der Nacht auf – 6 Grad. Die Menschen können in dieser Kälte bestenfalls auf Schlafsäcke und Decken hoffen. Diese sind allerdings nicht zahlreich genug vorhanden – um Geldspenden wird daher dringend gebeten, um diese überlebenswichtigen Dinge besorgen zu können!

Für die Freiwilligen vor Ort, die wir unterstützen, bedeutet der Schnee und die eisige Kälte eine große Herausforderung: Neben den täglich anfallenden Aufgaben wie Tee und Essen kochen und Kleidung ausgeben, versuchen die Freiwilligen zu verhindern, dass die Zelte unter dem Schnee zusammenbrechen. Es wird Feuerholz gesammelt, geschnitten und verteilt, die Helfer versuchen Zelte, Schlafsäcke und Decken zu organisieren, damit sich die Menschen unter der Brücke die eiskalten Nächte überstehen.

 

Zur aktuellen Lage in Ventimiglia:

 

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