Für das Recht zu bleiben und zu gehen. Wir unterstützen beim Weg und Ankommen.

Ventimiglia, italienisch-französische Grenze 2018

Wenn du gekommen bist, um mir zu helfen, dann verschwendest du deine Zeit. Wenn du aber gekommen bist, weil deine Freiheit mit meiner verbunden ist, dann lass uns zusammen arbeiten.

(australische) Murri-Aktivistin Lilla Watson

Menschen auf der Flucht stoßen auf der Suche nach Sicherheit und einem menschenwürdigen Leben täglich auf Grenzen. Oft fehlt es in den offiziellen Aufnahmelagern und frei entstandenen Camps an lebenswichtigen Ressourcen, wie Essen und warmer Kleidung. Dass dieser Zustand mehr als aktuell ist, wissen wir aus eigener Erfahrung.

Ich verließ mein Land also nicht freiwillig. Vielmehr ging ich, ohne zu wissen, wohin. Mein wichtigstes Ziel war, mein Leben zu retten. Auf meiner Route wurde dieses Ziel beinahe vereitelt – doch Gott sei Dank lebe ich.

Emmanuel Mbolela, „Mein Weg vom Kongo nach Europa“

Wir sind ein unabhängiges Kollektiv, vorwiegend bestehend aus Hildesheimer Studierenden. Mit unserem Projekt No border. No problem. versuchen wir zwischen Aktivist*innen an europäischen Geflüchtetencamps und Menschen hier Vorort zu vermitteln, z.B. durch die Fotoausstellung Unter der Brücke kann man die Sterne nicht sehen. Unsere Arbeit besteht einerseits darin, öffentlichkeitswirksam auf die Situation von Geflüchteten in Europa hinzuweisen. Andererseits haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, durch Benefizveranstaltungen und Spendenaufrufe Geld- und Sachspenden zu akquirieren, um kontinuierlich Unterstützung leisten zu können.

Wir haben entschieden, uns explizit als Flüchtlingsfrauengruppe zu organisieren, da wir die Erfahrung gemacht haben, dass geflüchtete Frauen doppelter Diskriminierung ausgesetzt sind: Sie werden als Asylbewerberinnen durch rassistische Gesetze ausgegrenzt und als Frauen diskriminiert. Dieser Kampf wird von geschlechtergemischten Flüchtlingsselbstorganisationen unserer Erfahrung nach wenig mitgetragen, da diese häufig von Männern dominiert werden, die andere Themen als wichtiger ansehen.
Wir besuchen regelmäßig die «Gemeinschaftsunterkünfte» in Brandenburg, um geflüchteten Frauen proaktive Unterstützung aus der Sicht der Betroffenen anzubieten, um aktuelle Informationen auszutauschen und um aus erster Hand Informationen über die Bedürfnisse der Frauen vor Ort zu erhalten.

Women in Exile

Wenn Sie uns mit Geld- und Sachspenden unterstützen möchten finden Sie hier mehr Informationen oder Sie können uns hier kontaktieren. Diese werden entweder direkt an Aktivist*innen vor Ort weitergegeben oder zur Realisierung von Solipartys verwendet.

Der Sommer 2015 am Budapester Bahnhof war keine Szene für eine schwarze Komödie. Es war unsere schmerzhafte Realität. Frauen, Männer, Kinder und Babys leben Tage und Nächte vor dem Budapester Hauptbahnhof. Wir wurden von PolizistInnen umkreist und haben den ganzen Tag für unsere Rechte demonstriert. 
Der Weg aus den vielen Krisengebieten dieser Welt nach Europa ist beschwerlich, gefährlich und oftmals tödlich: Viele von uns waren in den türkischen Lagern der Schande und verloren alles, was sie hatten an Schleusern. Wir überquerten auf überfüllten Schlauchbooten die griechischen Inseln Lesbos und Samos und nach monatelanger Verelendungsstrategie auf den Hotspot-Inseln mit eigenem Asylsystem erreichten wir das Festland. Danach setzten wir unseren Weg mit dem »Marsch der Hoffnung« über die Balkanroute Richtung Westeuropa fort. Und als endlich die Entscheidung fiel, dass wir den Budapester Bahnhof verlassen durften, entschlossen wir uns zu Fuß die rund 175 Kilometer entfernte österreichische Grenze zu erreichen.
Die sogenannte Flüchtlingskrise ist eine Krise europäischer Migrationspolitik. Die europäischen Staaten und die EU finden keine nachhaltigen Antworten auf die Migrations- und Flüchtlingszahlen und weigern sich weltweite Migration als Normalität ihrer täglich mitproduzierten globalen Welt zu betrachten.
Wir müssen die Probleme beim Namen nennen. Migration ist kein Spielball nationaler Interessen, wie beim EU-Türkei-Deal. Und wir müssen auch Raum geben für alle inneren Grenzen in unserer Gesellschaft, um sie dekolonial auszubuchstabieren.

Ghaylan, NoBorder. NoProblem-Aktivist und 2015 auf Samos

Dass ich heute noch in Deutschland bin und hier bleiben darf, wurde nur dadurch möglich, weil ich mich gegen Pseudo-Bürokratie gewehrt habe und mich seit Jahren gegen Abschiebungen engagiere. Viele Flüchtlinge haben nicht den Mut, sich gegen die staatliche Repression zu wehren, doch das muss sich ändern. Ich sehe es als meine Pflicht, denen zu helfen, die sich nicht wehren können, und gegen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung zu kämpfen. Wir können die Welt nicht an einem Tag verändern. Deshalb schätze ich jeden kleinen Schritt und gebe selbst mein Bestes.

Rex Osa, Refugees4Refugees und Break Isolation

Wir dürfen nie vergessen, dass jene von uns, die zu Flüchtlingen und MigrantInnen wurden, von Regionen der Welt kommen, die die Mehrheit der Weltbevölkerung ausmachen. Obwohl sie uns Minderheiten nennen, sind wir in Wahrheit die Mehrheit. Und wir sind nicht, entgegen dem Dreck und dem Gift, welches uns in den letzten fünfhundert Jahren in unsere Köpfe injiziert wurde, in irgendeiner Weise minderwertig. Im Gegenteil, die menschliche Geschichte wird sich eines Tages an die sogenannte “Westliche Zivilisation” erinnern als die grausamste, zerstörerischste und ausgrenzendste imperiale Macht, die je existiert hat. Werden wir jemals wissen, wie viele Milliarden Menschen direkt oder indirekt deswegen ums Leben kamen?

The Voice Refugee Forum

Die Zivilgesellschaft ist heute sehr sichtbar, mit der „#ausgehetzt“ oder der „#unteilbar“-Demo; bei „Wir sind mehr“ oder eben bei We’ll Come United. Aber das reicht nicht mehr. Es geht nicht mehr darum, Teddybären zu verteilen oder „Herz statt Hetz“-Aufkleber. Die Bewegung muss viel radikaler werden. Das meinen wir mit „Aufstand der Solidarität“: Radikal Menschen schützen. Wir müssen solidarische Städte entstehen lassen. Wir müssen die lokale und die transnationale Ebene miteinander verbinden. So kann man das Nationale unterlaufen und gleichzeitig überspringen.

Newroz Duman, United against racism

Niemand, der sein Land verlassen hat, ausgewandert oder geflohen ist, hat dies freiwillig getan. Sie alle waren dazu gezwungen. Unabhängig von ihrer Religion, ihrer Hautfarbe und den Sprachen, die sie sprechen. Sie sind alle Menschen, Menschen genau wie ihr.
Sie haben keine Schuld. Die Schuldigen, das sind ihre diktatorischen Regierungen. Diese Menschen hingegen wollen einfach nur ihr Leben retten und ihren Seelenfrieden finden. Sie versuchen, daran besteht kein Zweifel, der Hölle zu entkommen, in der sie leben mussten.
Jetzt brauchen sie dringend Menschen, die sie unterstützen, ihnen Zuflucht bieten und ihnen dabei helfen, zurechtzukommen. Und wahrscheinlich brauchen sie auch Menschen, die sie aus ihrer Einsamkeit holen und mit ihnen die Leere füllen, die ihr bisheriges Leben zuweilen hinterlassen hat.
Es sind Menschen, die im Gespräch scherzen und lachen, aber in ihrem Innersten von einem Schmerz zerfressen werden, den nur wenige kennen. Ich wünsche mir, dass ihr ihnen unvoreingenommen gegenübertretet und tut, was in euerer Macht steht, um ihr Leben ein bisschen besser zu machen.

Zain Alabidin Al Khatir, „Ums Überleben kämpfen
Meine Flucht aus dem Sudan und Libyen nach Deutschland“, Hildesheim im Mai 2019

Asyl in Deutschland ist eine Falle. Die Zukunft der Asylsuchenden wird im Keim erstickt, beschlagnahmt, ihre Jugend gestohlen wie früher die ihrer Vorfahren. Ganze Generationen opfern ihr Leben auf dem Altar der unmenschlichen und kapitalistischen Ansprüche der sogenannten reichen Länder.

Rodrigue Péguy Takou Ndie, „Die Suchenden“

Die türkische Küstenwache hat zwei Boote. Ein kleines und ein großes Militärschiff. Vom großen Schiff aus schossen sie in den Himmel, schrien und machten laute Geräusche. Mit dem kleinen Boot verfolgten sie uns und schlugen auf uns ein, damit wir im Wasser sterben.

Azmir, 20 Jahre, aus Syrien, (2016), brauchte fünf Versuche, bis er es schaffte, das Meer auf die Insel Lesbos zu überqueren. Bei jedem Versuch wurde er wieder von der türkischen Küstenwache aufgehalten. Doch schließlich gelang es ihm, ihr zu entkommen.

In manchen afrikanischen Kulturen gehört das Reisen zur Initiation. Man wird nicht erwachsen, solange man seine Familie nicht verlassen hat, um in die Ferne zu gehen, wo man andere Menschen und Kulturen entdeckt, und die Realitäten der Welt kennenlernt. Es geht darum, sich vom Komfort und der Fürsorge der Mutter und vom Schutz des Vaters zu lösen. Zu gehen bedeutet, sich zu beweisen – zurückkehren, die Seinen mit dem Wissen zu bereichern, das man in einer anderen Welt erlangt hat.
Migration ist seit jeher ein wichtiger Bestandteil der afrikanischen Gesellschaften. Bis heute ist sie mehrheitlich ein innerafrikanisches Phänomen. Nicht wenige derer, die Richtung Europa aufbrechen, verschwinden auf immer in den Fluten der Meere oder den Wüsten der Sahara – ein unsichtbares Drama, das nicht nur auf das unerträgliche Schweigen afrikanischer Regierungen hinweist, sondern vor allem auch auf das Scheitern der europäischen Grenzpolitik.

Tidiane Kassé

Die zirkuläre Migration ist kein Konzept aus einer, sagen wir, westlichen Sprache. Sie ist auch mehr als ein Konzept, sie ist ein Paradigma, unser Paradigma – unser Beitrag zur Weiterentwicklung der Menschheit. Es ist ein menschliches Prinzip, die Energien zirkulieren zu lassen. Es geht um Migration, um Bewegung, um Geben und Nehmen. Das sollte Europa fördern, nicht blockieren. Denn sobald man diese Bewegung behindert, gibt es Desorientierung. Und das führt unvermeidlich zu Dramen. Und wenn immer härtere Maßnahmen ergriffen werden, vergrößert und verstärkt das nur diese Dramen. Wir sind schon lange von einer zyklischen Bewegung zu einem Zyklus der tödlichen Bewegung übergegangen. Entmenschlichen wir also nicht die Menschheit – um nicht weniger als dies geht es!

Alassane Dicko

 

Wir danken für die Unterstützung:

Deutsches Rotes Kreuz, Kreisverband Hildesheim e.V.